Am Anfang war Wikileaks Featured

 

 

21.02.2011- ein Situationsbericht II (MCvtH)

Zahlreiche erschreckende Berichte von Einwohnern aus Tripolis und anderen Städten sprechen von abnormen Situationen auf den Straßen. Gemunkelte, leise geflüsterte Gerüchte über Gaddafis überstürzte Flucht machen immer häufiger die Runde. Einmal Venezuela, einmal der Iran, dann wieder ein anderes Land. Die staatliche Ordnung hat aufgehört zu existieren.

Das Schlachten hat begonnen.

Eine Luftbrücke von allerlei Söldnern, die in Tripolis zusammen mit einem eintreffenden Militärkonvoi aus Tajura, für das Fanal eines grausamen Regimes sorgen sollen. Tausende von Menschen haben sich in Tripolis versammelt. In diesen Minuten wird scharfe bei einer Demonstration in der Innenstadt eingesetzt. Viele bangen, dass es zu einem noch größeren Massaker als in Benghazi kommen wird. Dort gab es mehr als 200 Tote und mehrere Tausend Verletzte, die Zahlen sind nicht abschätzbar, über die Opfer der letzten fünf Tage. „Gaddafi spielt den eingeschnappten kleinen Diktator, der sich nochmals mit einem gewaltigen Blutbad von der Herrschaft und der protestierenden Nation verabschieden will!“, schreibt einer der Augenzeugen in einer Mail.

Von der Europäischen Union, der restlichen Welt fühlen sich die Libyer sehr verlassen.<br />
Wieder sind Sniper (Scharfschützen) angetreten, diesmal in Tajura. Zielen in den Außenbezirken von Tripolis auf alles, was sich bewegt. Es soll schon mehrere Tote gegeben haben. „ Alle haben schreckliche Angst, dass der Diktator die Bombardierung von Tripolis anordnet, um Zeit zu gewinnen. Wahllos Wohngebiete angreift!“, sagt ein weiterer Einwohner der Stadt, verweist dabei auf die libysch-ägyptische Grenze und den Umstand, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte den Transport von Medikamenten unterbunden haben.

„Am Anfang war Wikileaks. Ohne Assange wären wir nicht in der Lage gewesen, den Mut zu fassen gegen Gaddafi anzutreten!“, sagt ein junger Mann am Telefon.
„Es ist wie die französische Revolution und wir kämpfen diese heute in Tripolis. Morgen werden Menschen im Iran oder in Algerien aufstehen, dann irgendwo anders. Wir alle müssen uns befreien.“ Verwirrung jedoch stiftet auch die scheinbare Proklamation des „Islamischen Emirats Benghazi“. . Dieses Emirat sucht man vergeblich in Benghazi, noch sonst wo in Libyen.

Keiner glaubt mehr der Propaganda des sichtbar unsichtbaren Herrscherclans Ghaddafi, der dies als Revolte von Extremisten und Kriminellen abtat.<br />
„Das Volk ist gegen eine böse, schreckliche 42 Jahre währende Diktatur aufgestanden, kämpft alleine, ohne die Hilfe der Festung Europa!“, ruft ein anderer ins Telefon.<br />
„In Deutschland oder überall anders auf der Welt wäre das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit,  setzt Jagdbomber gegen Demonstranten ein!“, schreit ein junger Libyer.
„Wenn die ihn kriegen, wird es eine grausame Abrechnung geben! Europa braucht das Öl aber auch noch nach der Revolution, dann werden sich die Libyer sicherlich an die erinnern, die ihnen halfen! Oder auch nicht.“

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